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Unser Leben wird blogistiver. Ein neues Wort steht für eine neue Art zu leben: Erfahrungen bleiben nicht mehr nur uns selbst vorbehalten oder werden im Kreis enger Freunde ausgetauscht. Längst werden Erlebnisse auch im weltweiten Netz öffentlich diskutiert oder hinterfragt und dabei mit Tausenden von Menschen geteilt.

Das Tagebuch Blogistiv 1.0 – Notizen eines Jahres ist, einem Weblog ähnlich, mehrfach strukturiert. Der Leser kann sich durch unterschiedliche Themen scrollen: von denErlebnissen während eines plötzlichen Klinikaufenthaltes bis zu Erfahrungen rund um den G8-Gipfel in Heiligendamm, von Gedanken über Freundschaft und Punkrock bis zu den Sehnsüchten in einer Stadt, wie Venedig. In den sehr persönlichen Aufzeichnungen geht es immer wieder um eine Frage: Wie verdichtet sich das, was wir tagtäglich erleben, zu jenen bleibenden Erfahrungen, über die wir irgendwann schreiben müssen, weil wir sie erzählen wollen, um uns auch Jahre später noch an sie erinnern zu können.

aus: Dietmar Haiduk, BLOGISTIV 1.0 – Notizen eines Jahres

ISBN 9-7838-37023-985, Webtagebuch,
erschienen April 2008 im Verlag Books on Demand GmbH
9,95 EUR (inkl. gesetzl gültiger MWst) erhältlich u. a. bei 
libri.de, amazon.de

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Ich ahne, mich vor allem – egal wie, wo, womit – gegen jegliche Form der

Globalisierung, nicht nur die politische oder gesellschaftliche, im Leben

zu wehren: vor allem gegen die Missachtung von Übereinkünften, die das

miteinander leben – also schreiben, reden, tauschen, treffen, lesen,

handeln, zuhören, helfen – erst ermöglicht. Gegen Ignoranz allem Leisen

und Schwachen gegenüber, gegen bloggerechtes, stakkatohaftes Leben - 

plattwalzend, zielorientiert und die Genauigkeit durch Banalität demütigend.

aus: BLOGISTIV 1.0 (Seite 49)

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Ich habe Nachrichten im Weltweitnetz gelesen. Australien: Wie mag das sein, 10.000 Meter an einem Gleitschirm in die Höhe gerissen zu werden, fast eine Stunde lang Sturm und Hagelkörnern ausgesetzt zu sein, umhergewirbelt zu werden und dann, binnen Minuten, in die Tiefe gezogen zu werden?

So, wie vor einiger Zeit einer Paragleiterin in Australien geschehen und vermeldet.  Eine Stunde lang zwischen Himmel und Hölle, zwischen Erde und Weltall gefangen sein, zum Spielball der Kräfte verdammt, als Teil der Urgewalten.  Ist das ein Glücksmoment? Ist Glück immer das, was andere nie erleben würden? Koste es auch das eigene Leben?

aus: BLOGISTIV 1.0 (Seite 22)

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Älter geworden zu sein, scheint auch zu heißen:

Leben als ständige Wiederkehr erfahren zu haben.

Alles also schon einmal durchlebt haben zu müssen -

jeden Kummer, jede Trauer, jede Freude,

jeden Streit, jeden Stolz, jeden Hass, jede Liebe.

Wirklich alles? Und wirklich alles schon jetzt?

aus: BLOGISTIV 1.0 (Seite 29)

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Das Ende – das Sterben – einer Freundschaft durch den Verzicht,

 

die Aufgabe, die Trennung oder gar den Tod eines Freundes

 

ist kein gefühlvollerer Vorgang oder ist keineswegs sentimentaler,

 

als sonst in irgendeiner mitmenschlichen Beziehungen zu erwarten

 

wäre.

 

Freundschaft ist nicht freier, aber auch nicht praller an Gefühlen,

 

Versprechungen, Enttäuschungen, Hoffnungen als gewöhnliches Leben. 

 

Es scheint, als verdiene jene oft beschworene Freundschaft

 

bis in den Tod hinein nur dann tatsächlich Freundschaft genannt

 

zu werden, wenn sie selbst jenen pathetisch prophezeiten Tod

 

nie wirklich erleben muss.

 

Dass eine solche, fast immer auf ewig geschworene Beziehung,

 

den eigenen Tod, das eigene Ende, die Trennung beider Freunde

 

in Jahrhunderten bereits hunderttausendfach erleben musste und

 

weiter erleben wird, gehört dazu. Menschen sind vergänglich,

 

Erlebnisse sowieso. Freunde erst recht.

aus: BLOGISTIV 1.0 (Seite 116)

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Zwischen dem,

was sich in unseren Köpfen abspielt

und dem, was wir davon begreifen,

liegen Welten.

Schreiben ist der ewige Versuch,

diesen Abstand zu verringern.

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Was, wenn das Fremdeste in dieser fremden Stadt 

Venedig nichts weiter wäre, als die Angst, festen Boden

unter den Füßen zu verlieren – das alltägliche Grauen zu spüren

und den letzten Rest an Bodenhaftung vom allgegenwärtigen

Wasser hinweggespült zu sehen?

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Wer auf wahre Freundschaft hofft,

sollte vor allem auf Wahrheit hoffen.

Freundschaft ergibt sich dann

ganz von allein.

Wir, als Menschen, seit Jahrtausenden

darauf bedacht, uns selbst bis ins Kleinste

immer besser verstehen zu wollen, um uns immer

besser im Griff zu haben,

sind der Willkür von Erinnerungen

noch immer ausgeliefert.

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Wie tief geht und wie dauerhaft hält Liebe

Und wie sehr braucht es dieses Gefühl,

Menschen vom Abgrund fernzuhalten. 

Wann stürzen wir uns selbst in diese

unendliche Tiefe, aus der uns nichts und

niemand mehr ans Licht holen könnte?

Außer das Gefühl, geliebt zu werden.

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Weltweit wird gebloggt.

Was ist das? Der Versuch, sich ersatzweise durch

ein virtuelles Zweitleben zu hecheln? Nur eine

zeitgemäße Möglichkeit, sich selbst zu inszenieren?

Oder vielleicht doch die Hoffnung, das wirkliche

Leben – schreibend – zu begreifen?

Was aber bliebe, wenn das Wesen Mensch

irgendwann mutiert wäre zu einem Wesen mit

stark ausgeprägten und auf das schnelle Anschlagen

von Computertasten spezialisierten Fingern, aber einem,

von erstarrten, kaum noch notwendigen Muskeln, ins

Fratzenhafte verkümmerten Mund, der als Organ des

Sprechens längst seine Funktion verloren hätte?

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